Produktionen

"ANDERSWO"

Auf den Spuren von Mascha Kaléko

Premiere: Fr, 8. Juni 2018

Spielbereit: Sa, 9. / So, 10. / Fr, 15. / Sa, 16. und So, 17. Juni 2018

Produktion:
Daktylus e.V.
Regie / Dramaturgie:
Anne Zühlke, Stephan Weßeling
Musikalische Leitung:
Tina Paar
Bühne-Kostümbild:
Anton Lukas / Vanessa Gärtner
Co-Regie:
Stefanie Kaluza

Zum Stück

Das Porträt der Dichterin Mascha Kaléko, an dem 80 Berliner_innen aktiv beteiligt sind, wird wegen der großen Publikums-Nachfrage im Juni 2018 wieder aufgenommen!

Im Zentrum steht die Zusammenarbeit eines Amateur-Chores (70 Sänger_innen) mit einem Amateur-Ensemble (12 Spieler_innen). Ein Ziel ist die frische und spannende künstlerische Verbindung von Wort und Musik. Ein weiteres Ziel ist die möglichst breite Rezeption von Mascha Kalékos Leben und Werk bei den Projektbeteiligten und den anvisierten Publikumkreisen. Hier versuchen wir durchaus auch, einige Techniken und Wirkungsabsichten der Neuen Sachlichkeit wieder aufzunehmen. Diese Kunst- und Literaturströmung in der Weimarer Republik wollte u.a. eine breite Öffentlichkeit erreichen, einwirken auf das zu der Zeit neu entstehende Massen- und Medienpublikum. Der Anspruch war, realitätsnah, sozial engagiert und allgemein verständlich zu sein. Dieser Anspruch konnte damals allerdings nur teileweise umgesetzt werden.


Auf den Spuren Mascha Kalékos
Ihr Leben und Schaffen war geprägt durch Heimatverlust und die leidvolle Erfahrung eines jahrzehntelangen Exils. Mascha Kaléko wurde trotzdem oft beschrieben als charmante, energiegeladene, scharfzüngige und lebenskluge Person. Sie selbst beschrieb sich einmal als Vulkan. Sie besaß lange Zeit eine tiefe, scheinbar unauslöschliche Lebendigkeit, eine jugendlich wirkende, frische Ausstrahlung, trotz aller Lebenskrisen und Schicksalsschläge. Und sie selbst sah sich wohl durchaus auch als sozial-politische Dichterin. Eine Devise von ihr lautete: „Wach bleiben! Aufpassen! Manchmal Nein sagen!“

Mascha Kaléko (1907 – 1975) wurde seit 1929 mit ihren Großstadtgedichten bekannt. Sie schrieb in der Tradition Heinrich Heines und Kurt Tucholskys, doch fand sie rasch zu ihrem eigenen „Sound“. Sie entwickelte sich zu der weiblichen Stimme unter den Großstadt-Lyrikern der Neuen Sachlichkeit. Ein Hauptreiz ihrer Dichtungen lag in der speziellen Mischung von Poesie, Spott, Witz, Gefühl und Scharfzüngigkeit. Ihre Gedichte trafen den Ton der Zeit genau. Sie beschrieb treffend den Alltag in der Großstadt, die Welt der Angestellten und kleinen Leute. Der Schriftsteller und Publizist Kurt Pinthus schreibt 1958: „Als das junge und feurige Mädchen noch Stenotypistin in Berlin war, veröffentlichte sie Das lyrische Stenogrammheft (1933), und nach dessem unerwarteten Erfolg sogleich Kleines Lesebuch für Große (1934).“ Doch schon kurze Zeit später wurden diese erfolgreichen, im Rowohlt Verlag erschienenen Gedichtbände mit antisemitischen Vorwürfen von den Nationalsozialisten verboten. 1935 erfolgte der Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer. Ihre beiden Werke durften nicht mehr im Buchhandel verkauft werden.

Es folgten lange Jahre der Entwurzelung und Heimatlosigkeit im amerikanischen Exil: 1938 musste die Dichterin - aus ihrer Stadt Berlin - flüchten. Sie emigrierte mit ihrem zweiten Ehemann, dem Musikwissenschaftler und Chordirigenten Chemjo Vinaver, sowie dem gemeinsamen Sohn Evjatar in die USA, wo dieser in Steven umbenannt wurde. Die kleine Familie steht damit für zahllose weitere jüdische Schicksale aus dieser „Zeit der großen Verdunkelung“, deshalb wird hier sicher ein inszenatorischer Anker gesetzt.

Am Ende des Krieges erschien in Cambridge, USA, ihr Lyrik-Band ›Verse für Zeitgenossen‹. Es war einer der wenigen Gedichtbände, die damals überhaupt in deutscher Sprache in Amerika veröffentlicht wurden.

Mascha Kaléko glaubte sich in Deutschland im Grunde vollkommen vergessen, bis sie davon erfuhr, dass ihre Gedichte dort nach dem Krieg wieder bekannt geworden waren. Im Januar 1956 trat sie dann - nach verständlichem Zögern - ihre erste Deutschlandreise an. Auch ihr damals so geliebtes Berlin sah sie wieder. Der Rowohlt Verlag brachte in diesem Jahr eine Neuauflage des ›Lyrischen Stenogrammhefts‹ als Taschenbuch heraus und 1958 erschienen dort in einer veränderten Ausgabe auch ihre Exilgedichte ›Verse für Zeitgenossen‹.
1959 übersiedelte das Ehepaar Kaléko-Vinaver nach Jerusalem. Es gelang Mascha Kaléko jedoch nie, sich in Israel wirklich heimisch zu fühlen. Im Juli 1968 traf die beiden ein schwerer Schicksalsschlag: Ihr in den USA künstlerisch erfolgreicher Sohn Steven starb unerwartet im Alter von nur 31 Jahren. Nur fünf Jahre später starb nach langer schwerer Krankheit 1973 Mascha Kalékos Mann Chemjo Vinaver. Danach vereinsamte sie völlig und verließ kaum noch ihre Wohnung. Im Sommer 1974 reiste die Dichterin zum letzten Mal nach Europa und Berlin. Sie soll sogar über eine kleine Zweitwohnung in Berlin nachgedacht haben. Auf der Rückreise nach
Jerusalem jedoch starb Mascha Kaléko - in den Morgenstunden des 21. Januar 1975 an den Folgen von Magenkrebs - in einer Klinik in Zürich. Dort wurde sie auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg beigesetzt.



Zur Inszenierung

Die Inszenierung arbeitet mit Techniken der Montage. Sie nimmt dabei Entwicklungen aus den 20-ger und 30-ger Jahren auf (Episches Theater / Simultanbühne von Brecht / Piscator; Film; Fotografie; Bildende Kunst; Literatur, Architektur). Sie beinhaltet Texte und Lieder aus Leben und Werk der Dichterin, eingebettet in Geschichten, Kommentare und Bilder zu den verschiedenen Zeiten und historischen Kontexten. Die Dramaturgie folgt keiner linearen Chronologie. Vielmehr lautet die Grundfrage: Wie hängt ein Leben zusammen? Oder: Wie hängt Leben mit Leben zusammen, wie hängen wir mit dem Leben anderer Menschen zusammen, in Zeit und Raum? Es geht also eher um eine Lebenslandschaft. Deshalb sind drei Orte, die für Mascha Kaléko sehr bedeutsam waren, von besonderem Interesse. Die Schauplätze Berlin, New York und Jerusalem werden dramaturgisch und inszenatorisch stark akzentuiert. Diese drei Orte enthalten in konzentrierter Weise Geschichte und Geschichten aus Leben und Werk Mascha Kalékos, die erzählt werden sollen. Dazu zählen markante Beispiele ihrer großstädtischen >Gebrauchslyrik<, Briefausschnitte, Prosaskizzen, Fotos und Zeichnungen.

Hinzu kommen: der bewegliche und szenische Einsatz des Chores (Kommentare, Masse Mensch, Vertonungen von Gedichten, geräuschhafte und lautliche Atmosphären), sprechchorische Textdarstellungen des Ensembles, der Einsatz von Objekten, Requisiten, Kostümteilen und Raumelementen aus Papier als zentralem Material, die sparsame Verwendung von Video-, Licht- und Tontechnik.

Ein wesentliches Ziel der Inszenierung ist es, ein landschaftlich organisiertes Porträt Mascha Kalékos zu zeichnen, und ihres von vielen Konflikten und Verlusten geprägten Lebens und Schreibens. Dieses Porträt zeichnet ihre Gefühle, Lieben, Hoffnungen und Enttäuschungen ebenso nach, als es auch ein Bild ihrer Zeit, ihrer Zeiten skizziert. Die Untrennbarkeit von Leben und Werk der Dichterin lieferte für diese Wahl einer nicht-linearen Dramaturgie und inszenatorischen Montagetechnik entscheidende Argumente. Sämtliche Dichtungen von Mascha Kaléko werden allerdings stets in ihrer kompletten Textgestalt in der Inszenierung eingesetzt. Das gilt auch für die Vertonungen einzelner Gedichte. Der Chor wird zudem ohne Notenblätter in den Händen singen, denn er soll sich frei im Raum und szenisch begründet bewegen können. Einzelne Sängerinnen und Sänger werden auch in Teil-Gruppen (bewegliches Bühnenbild) eingesetzt, um bestimmte historische und individuelle Kontexte sichtbar zu machen. Ausschnitte aus dem Tagebuch und den Briefen Mascha Kalékos werden einzelne „Kapitel“ der Inszenierung einleiten und als eine Art Ariadnefaden dienen.


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